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das laecheln des grabmacherjoggi
Man sagt, dass er mit dem Geburtsjahr 1808 nun schon etwas alt sei um Stadtrundgänge zu führen. Andere meinen dass einer aus Liestal gewiss nicht qualifiziert wäre um über Basels Vergangenheit zu berichten. Den ganz Aufmerksamen ist schliesslich nicht entgangen, dass er eigentlich längst tot sein müsste.

Wieso lebt der greise Grabmacher überhaupt noch? Warum trägt er einen gammeligen alten Militärkaput aus dem 19. Jahrhundert? Woher kommt die Narbe unter dem Kiefer? Die folgende Autoiographie von Johann Jakob Seiler, geboren im Juni 1808 in Liestal, soll die Fragen beantworten - wenigstens zum grössten Teil.

Wie man Fische fängt und 200 Jahre alt wirdvon J.J.Seiler

Mitten in Napoleons Glanztagen, die bei uns von allgemeiner Mattheit geprägt waren, kam ich im Brachmonat 1808 in Liestal zur Welt. Wenn man das Licht der Welt als jüngster von fünf Brüdern erblickt, dann steht man in der Erbfolge ziemlich weit hinten. So weit dass ich weder das Wirtshaus meines Vaters noch Mutters Nachthafen erben sollte.

In der Schule lernte ich durch das endlose Herunterleiern des Katechismus einigermassen lesen, während mich die Haselrute unseres Schulmeisters strenge Zucht lehrte. Beides keine sehr kreativen pädagogischen Methoden, doch einige Basler Herren waren damals ohnehin der Ansicht, dass dem Landvolk zuviel Bildung nicht guttue.

Dieser Maxime entsprechend führte mein Weg direkt zum Broterwerb als Knecht. Viel Brot erwarb man mit Heuen, Misten und Melken als Knecht allerdings nicht. Dies bewog mich 1826 zum Eintritt in die Standskompagnie der Stadt Basel. Um der Not des stets leeren Magens und Geldbeutels zu entgehen, taten dort viele Baselbieter Dienst.

Dort diente ich erst als Füsilier um später zum Korporal beim Jägerzug zu avancieren. Jetzt hatte ich zwar Brot und einigermassen Geld, doch man wurde in Basel als "Stänzler" weitgehend wie der letzte Dreck behandelt. Die allgemeine Meinung in der Stadt war, dass nur Abschaum sich beruflich als Soldat bei der Garnison verdingt.


staenzler

Dann kam die kriegerische Kantonstrennung. Am 3. August 1833 vergoss unsere Standeskompagnie grosszügig ihr Söldnerblut in den Gefechten ob der Hülftenschanz. Die Miliz bemühte sich indes, das Schlachtfeld nicht mit Basler Bürgerblut zu benässen. Dafür verzehrte sie in sicherer Distanz das Zvieri um danach zu fliehen.

Allerdings waren nicht alle Basler dergleichen Waschlappen. Unser Oberst Johannes Burckhardt scheute den Kugelhagel nicht, und bekam prompt einen Treffer im Knöchel. Ich warf die Muskete weg um ihn zu stützen. Er wollte weiter das Kommando führen. Dann kam auch die Kugel mit meinem Namen angezischt. Sie traf links unter dem Kiefer.

Eine Kugel im Kopf kann die Perspektiven grundlegend verändern. In meinem Fall schwanden zuerst die Sinne, und dann die weitere militärische Laufbahn. Zwar flickte mich Doktor Schönbein auf dem Verbandsplatz notdürftig zusammen und ein Munitionswagen brachte mich in die Stadt. Aber mit der Diensttauglichkeit war's vorbei.

Auch wenn ich nur noch zum Fegen des Hofes der Blömleinkaserne taugte, war ich besser weggekommen als all jene Stänzler die wir auf dem Rückzug zurückgelassen hatten. Meine Baselbieter Landsleute machten keine Gefangenen, und erst recht nicht von der Garnison. Daher konnte ich als Kriegsinvalide auch nicht nach Liestal heimkehren.

Auf der Landschaft brauchte sich damals keiner mehr blicken zu lassen, der als Stänzler für die Stadt gekämpft hatte. Da trug man uns immer noch die Häuser nach, die wir in Pratteln abgefackelt hatten. Ohne Arbeit und kriegsversehrt stand ich kurz vor der Armengenössigkeit, wäre da nicht Oberst Burckhardt gewesen.

Zum Dank dafür dass ich ihm im Kugelhagel beigestanden war bis ich selbst niedergestreckt wurde, beförderte er mich zum Wachtmeister anstatt mich zu entlassen. Das erhöhte meinen Sold fürs Hoffegen. Und damit ich diesen nicht als tragischer Taugenichts mit zuviel Freizeit versoff, besorgte er mir ein Amt als Hilfsgrabmacher.

Auf dem Gottesacker von St.Elisabethen bestattete ich von nun an die verstorbenen Stänzler und pflegte ihre Gräber. Und als im November 1849 der Grabmacher starb, hob ich nicht nur sein Grab aus sondern übernahm auch gleich noch seine Stelle. So war ich wenigstens hier einmal erster in der Erbfolge geworden.

Natürlich war der Friedhof nicht das Wirtshaus meines Vaters. Dafür war die Kundschaft ruhiger und genügsamer. Im Steinenquartier schwang ich mich zum Kinderschreck auf. Das Jungvolk schimpfte mich "Grabmacherjoggi" und neckte mich oft und gern. Doch ein finsterer Blick von mir, und sie rannten mit vollen Hosen an Mamis schützenden Rockzipfel.


grabmacher

Man hatte eben so seine Aura des Unheimlichen als Totengräber, und man wusste sie zu Zeiten auszunützen. Der Haken bei meinem Amt war, dass man mich in der Administration gar nicht mehr zur Standeskompagnie zählte sondern zum Bestattungspersonal. So vergass man mich schlichtweg als die Truppe 1856 aufgelöst wurde.

Bei der Reform des Bestattungswesens rund zwanzig Jahre später, geschah ähnliches. Das Sanitätsdepartement betrachtete mich als Relikt der Stänzler. Ergo unterläge mein Fall dem für das Wehrwesen zuständigen Departement. Bis zum heutigen Tag warte ich darauf, dass mich wenigstens eine Amtsstelle pensioniert.

So hat mich die Schlamperei der Bürokratie unsterblich gemacht. Das hatte die ersten paar Jahrzehnte seinen Reiz. Aber wenn man sich alle 50 Jahre den Freundeskreis neu aufbauen muss, wird das mühsam. Immerhin habe ich mir etwas Kurzweil verschafft in dem ich begann Stadtführungen zu machen. Lange genug kenne ich Basel ja.

Wie man Fische fängt kann ich Ihnen nicht mehr sagen. Habe ich letztes Mal vor 109 Jahren gemacht und vergessen wie es geht.

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